Rendezvous mit einem Chatbot – über neue Chancen und Risiken beim Online-Dating

Beziehungen werden heute immer häufiger über Parship, Tinder und Co. initialisiert. In meiner Praxis suchen Menschen Rat, die diese Dienste nutzen, aber nicht wirklich von ihnen profitieren können. Negative Folgen sind dabei weniger mangelnde Matches, als vielmehr eine häufig abrupt eintretende Funkstille (Ghosting) auf der anderen Seite. Ein derartiger Kontaktabbruch führt dazu, dass manche meiner Klienten in starke Selbstzweifel kommen.

Fakes sind wenig hilfreich bei der Selbstpräsentation

Ein weiteres Problem ergibt sich, wenn die digitale Version beim ersten Date mit dem zuvor online präsentierten (und auch von der anderen Seite imaginierten) Ideal so gar nicht zusammenpasst. Da entpuppt sich der athletische Aspirant als Couch-Potato oder die äußerst attraktive Dame sieht in echt 20 Jahre älter aus als auf ihrem Profilfoto. Mit anderen Worten: Man möchte sich am liebsten sofort in Luft auflösen, um die folgenden quälenden Stunden nicht ertragen zu müssen. (Hierzu eine Empfehlung: Beim ersten Date nicht zum Essen sondern maximal auf einen Kaffee oder einen Spaziergang verabreden, im schlimmsten Fall ehrlich sein und sagen, dass das Gefühl nicht stimmig ist und sich diplomatisch verabschieden, das spart Zeit und Nerven). Frauen nutzen häufiger als Männer Filter, um ihre Attraktivität zu optimieren. Männer erweisen sich im direkten Austausch oft als weit weniger geschmeidig bzw. viel sperriger, als es in der digitalen Anbahnung den Anschein hatte. Diese mangelnde Authentizität im Vorfeld führt dann beiderseits häufig wiederum zu Ghosting. In diesem Sinne berichten meine Klienten von vermeidendem Kommunikationsverhalten des Gegenübers, das auf massive Bindungsängste schließen lässt.

 

Schöne neue Welt: Der Einsatz von KI im Dating-Business

Der Einsatz von KI (künstlicher Intelligenz), mit dem einige der Anbieter schon arbeiten könnte dazu führen, dass die Kluft zwischen digitaler Selbstpräsentation und unvermittelter Realität noch weiter auseinanderklafft, auch wenn perfekte Matches in Aussicht gestellt werden.

Wer mich schon länger kennt, weiß, dass ich in Medienpsychologie promoviert habe und nicht per se zur Skepsis gegenüber Medien oder Diensten neige (jedes neue Medium wurde bei seiner Einführung von Skeptikern verteufelt), denn entscheidend ist, wie Menschen ein Medium nutzen. Aber genau das ist das Problem von KI, wenn diese nun so  weitreichende Funktionen bei der Kontaktanbahnung übernimmt, dass sich die suchenden Singles in ihrer Ganzheitlichkeit gar nicht mehr zeigen müssen bzw. (je nach technischer Lösung) können.“

 

Der Chatbot entscheidet, wer zu einem passt

Das bedeutet, dass am Ende der Assistent entscheidet, wer überhaupt gedatet werden kann. So etwa hat es die Chefin der Dating Plattform Bumble, Whitney Wolfe Herd jüngst auf einer Konferenz beschrieben. Die Industrie feiert das mit dem Argument der Zeitersparnis und dem überflüssig werden von lästigem swipen, matchen und chatten. Zuvor wird der Chatbot mit den persönlichen Vorstellungen der suchenden Person gefüttert, mit ihren Werten und Gewohnheiten, ihren nicht verhandelbaren Bedingungen für eine Beziehung. Auf dieser Grundlage tritt der Chatbot mit denen anderer Singles in Kontakt, übernimmt die Anbahnung genauso wie den Austausch von Nachrichten und das erste Kennenlernen. Im Anschluss werden drei qualifizierte Anwärter ausgewählt, die anderen fallen hinten runter. Bis zum ersten Treffen erfolgt die gesamte Kommunikation möglicherweise ausschließlich über KI.

Der Einfluss von KI auf unsere Kommunikationsfähigkeit

Ich frage mich, welche Auswirkungen eine solche Entwicklung auf die allgemeine Kommunikationsfähigkeit hat. Insbesondere für kommunikativ nicht gewandte Menschen erscheint es zunächst als Vorteil, sich im Vorfeld der Begegnung nicht abmühen zu müssen. Dadurch geht aber auch notwendige Übung in der sozialen Kompetenz verloren. Die Diskrepanz zwischen dem Online Kontakt und dem unvermittelten Kennenlernen könnte  umso größer werden. Denn nicht zuletzt fehlt die persönliche Anbahnung mit individuell charakteristischen Eigenschaften wie Humor oder Romantik, auf die die Suchenden heute beim ersten Live-Treffen zurückgreifen können. Wissenschaftler sprechen in diesem Zusammenhang von der Kommunikationshistorie. Diese Entwicklungen machen eine Zunahme an Unverbindlichkeit bzw. Verstärkung des Ghostings noch wahrscheinlicher.

Anbieter entwickeln momentan hochpreisige KI unterstützte Angebote, für die Menschen in der Hoffnung auf das perfekte Match wohl noch tiefer in die Tasche greifen werden. Interessanterweise setzen beispielsweise Parship und Elite Partner immer noch auf Persönlichkeitstests, und zwar mit dem Hinweis, dass KI diesem traditionellen Prozedere nicht zwangsläufig überlegen ist bei der Suche des Traumpartners.

Drei Empfehlungen fürs Online-Dating

Meine Empfehlungen, wenn Sie bei der Partnersuche in sozialen Netzwerken unterwegs sind:
(1) Präsentieren Sie sich von Anfang an so authentisch wie möglich;
(2) treffen Sie sich möglichst bald, um eine Idealisierung des Gegenübers aufgrund dessen, was Sie sich in Ihrer Vorstellung zusammenträumen zu vermeiden und
(3) sagen Sie sich im Falle von Ihrerseits unverwünschtem Rückzug des Gegenübers, dass diese Person Sie definitiv noch nicht kennt und damit nicht weiß, was sie verpasst hat.