In meiner Praxis erlebe ich es täglich: Klientinnen und Klienten sitzen vor mir und erzählen mir, welche Tipps die Künstliche Intelligenz Ihnen in Sachen Liebe und Partnerschaft gibt. Die einen wollen sich trennen, wissen aber nicht wie, die anderen fragen sich, ob die KI am Verhalten des Partners oder der Partnerin ablesen kann, ob diese/r fremdgeht. Wieder andere benötigen einen Acht-Wochenplan, um diese Zeit zu überleben, weil sie glauben, dass sie bald verlassen werden. Die Motive sind vielfältig und die Antworten von ChatGPT & Co. auch.
KI als Liebesberater – ChatGPT kann Menschen nicht ersetzen
Zwischenzeitlich habe ich einen richtigen Hype erlebt, der aber momentan wieder etwas abflaut. Meine Erklärung dafür: Die Künstliche Intelligenz bietet Vorteile, aber eben nicht nur. Was sie vor allem im Gegensatz zum Gespräch mit Freunden oder auch dem therapeutischen Gespräch nicht kann: Die Entwicklung vorwegnehmen und die brauchen wir. ‚Die Seele geht zu Fuß‘ hat mein Ausbilder immer gesagt, d.h. bis wir unsere Gefühle, unsere Haltung und dann unser Verhalten ändern können, benötigen wir Zeit, keine schnellen Lösungen. Daher wird die KI häufig befragt, aber eben mehr konsumiert und die Tipps dann wieder vergessen, als dass die Betroffenen wirklich durch einen Entwicklungsprozess gehen.
KI gibt Beziehungstipps: Vorteile oder – was ChatGPT gut kann
- die KI ist rund um die Uhr erreichbar und bietet damit einen niederschwelligen Zugang zum Thema.
- ChatGPT kostet nichts im Gegensatz zu manchmal teuren und schwer zugänglichen Therapiegesprächen .
- Nichts muss peinlich sein, weil man nicht bewertet wird (was ein guter Therapeut allerdings auch niemals tun sollte). Das gilt vor allem für die, die sich schlecht öffnen können gegenüber Freunden oder wenige vertraute Personen haben.
- KI bietet Informationen zu konkreten Themen, z.B. eigene Verhaltensmuster oder auch sexuelle Wünsche oder die des Partners bzw. der Partnerin, über die man außerhalb des Netzes nichts weiß.
- Ki kann helfen, schwierige Gedanken und Gefühle zu sortieren, vor allem, wenn man sich gedanklich in einem Tunnel und Gedankenkreisen befindet und nicht weiterkommt. Das gilt auch für die Formulierung wichtiger anstehender Gespräche mit der Partnerin oder dem Partner. Damit bieten ChatGPT & Co. konkrete Verhaltens- und Kommunikationsmöglichkeiten an, etwa, wenn man in der Beziehung etwas ändern möchte.
KI gibt Beziehungstipps: Nachteile oder – was ChatGPT nicht gut kann
- Die KI verhält sich oft zustimmend und bestätigend, der in privaten Gesprächen und vor allem in der Therapie wichtige Perspektivenwechsel und damit da Verständnis für Andere (z.B. ‚ist das Verhalten meiner Partnerin wirklich so bescheuert oder was könnte sie für Gründe haben?‘) wird so erschwert.
- Die Antworten der KI können sich, je nachdem welche Daten diese gesammelt hat, laufend ändern, heute so, morgen so.
- Diese Trainingsdaten enthalten nicht nur wertvolle Informationen, sondern auch Vorurteile und stereotype Muster, welche nicht richtig und nicht gerecht sind.
- Die Komplexität von Beziehungsproblemen genauso wie moralische Aspekte werden häufig stark vereinfacht und damit dem individuellen Einzelfall nicht gerecht. Manche Perspektiven, die man etwa im Gespräch mit dem Therapeuten und anhand der eigenen Geschichte erarbeiten könnte, fehlen gänzlich.
- KI wird beim kleinsten Problem befragt, eigenes Denken und Reflektieren nicht weiter trainiert. Im schlimmsten Fall geht gar nichts mehr ohne KI.
- Non- und paraverbale Kommunikation (paraverbal meint Lautstärke, Betonung, Sprechpausen, Stimmlage, Sprachmelodie, Sprechtempo) als wichtige Informationen fehlen gänzlich. Bezogen auf das Nonverbale gilt das Gleich für die Körpersprache- und haltung und die Mimik, also den Gesichtsausdruck.
- Besonders schwerwiegende Themen wie Missbrauch, häusliche Gewalt oder Stalking und Traumatisierung gehören dringend in die Hände von Fachleute, hier kann die ‚Selbstherapie‘ möglicherweise mehr Schaden anrichten als helfen.
- Die Vertraulichkeit der Daten, die man eingibt, kann nicht garantiert werden.
Praktische Tipps für ChatGPT & Co. als Therapeuten- und Gesprächsersatz in Liebesdingen
Die KI kann sinnvoll als Ergänzung (eben zur Generierung von Information, zur Unterstützung bei der Formulierung oder zur Vorbereitung von Gesprächen) genutzt werden. Ein Ersatz für Gespräche mit Vertrauten oder dem bzw. der Therapeutin ist sie nicht. Das sollte man sich ganz klar bewusst machen. Auch bietet die Paartherapie zu dritt viel mehr Optionen als das Einzelgespräch mit der KI. Wichtig ist, einen kritischen Blick zu behalten, die Künstliche Intelligenz ist nicht allwissend. Ihre Antworten stammen aus Daten, die generell nicht zwangsläufig richtig sein müssen und schon gar nicht für den individuellen Einzelfall. Und für mich als Therapeutin noch einmal ganz wichtig zu betonen, psychische Veränderung braucht Zeit. Oftmals verstehen wir die Dinge schon, aber bis das im Herzen ankommen und wir wirklich anders denken und fühlen kommen, benötigen wir Zeit.