Krankenhausangst: Wann ist professionelle Unterstützung notwendig?

Angst Depression StudiumWer geht schon gerne ins Krankenhaus? Ein nachvollziehbarer Gedanke. So warten beispielsweise orthopädische Patientinnen und Patienten oftmals viel zu lange, bis sie sich eine OP unterziehen. Ich habe selbst in einer orthopädischen Reha-Klinik gearbeitet und dieses Problem, etwa bei anstehenden Knie-Prothesen OPs wegen fortschreitender Arthrose immer wieder beobachtet. Die Folge: Die Schmerzen werden immer stärker, genauso wie Fehlstellungen durch die Schonhaltung, wodurch auch die anderen Gelenke mehr belastet werden. Zudem baut sich die Muskulatur weiter ab. Problematisch kann diese fortschreitende Degeneration auch für die OP selbst werden, denn je weniger gesunde Knochensubstanz vorhanden ist, umso komplizierter wird der Eingriff. Eine längere Reha-Zeit steht an, der Gesamterfolg ist insgesamt schlechter, etwa, wenn nicht mehr die gleiche Beweglichkeit erreicht werden kann. Das hat deutliche Konsequenzen für die Lebensqualität.

Jede(r) Vierte in Deutschland leidet unter Krankenhausangst

Krankenhausangst kann sich natürlich auf jede Diagnose beziehen. Panikattacken, Magenschmerzen, Gedankenkreise, die betroffene Person tut alles, um den Weg ins Krankenhaus zu vermeiden. ‚Es geht ja noch‘ oder ’nachher ist es womöglich schlimmer‘ sind häufig Gedanken, mit denen sich viele versuchen zu beruhigen. Aber damit ist das Problem nicht gelöst. Tatsächlich zeigte sich in einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2025 (im Auftrag der KKH), dass jeder Vierte in Deutschland unter Krankenhusangst leidet (befragt wurden knapp 2.000 Personen im Alter zwischen 18-70 Jahren).

Gründe für Krankenhausangst

Angst vor Komplikationen, vor einer Vollnarkose, Sorge vor dem Verlust der Intimsphäre, etwa wenn man mit anderen Patienten das Zimmer teilen muss, nach der OP nicht alleine auf die Toilette gehen kann oder sich den Ärzten, Schwestern und deren Ansagen schutzlos ausgeliefert fühlt, können eine Rolle spielen. Manchmal wurden bereits negative Erfahrungen bei früheren Krankenhausaufenthalten gemacht. 

Die Kontrolle abgeben – für viele ein Problem

Letztlich geht es darum, dass man nicht in seinen vier Wänden ist und daher weniger die Kontrolle über das hat, was mit einem passiert und sich deshalb machtlos fühlt. An dieser Stelle sollte man sich bewusst machen, das man sich in einer Ausnahmesituation befindet und dass das, was der Körper oder auch die Seele benötigen, professioneller Hilfe von außen bedarf, da man selbst definitiv nicht mehr weiterkommt. Zwar kann man sich etwa im Falle der Hüftarthrose sagen, dass es ja irgendwie noch geht, aber wenn man sich die täglichen Schmerzen vor Augen führt, wird klar, dass die Lebensqualität deutlich eingeschränkt ist. Ich habe während meiner Arbeit in der Rehaklinik von Patientinnen und Patienten immer wieder gehört: „Warum habe ich das nicht schon früher gemacht, mir geht es so viel besser jetzt ohne die Schmerzen.“ Es geht also darum, die belastende gesundheitliche Situation zu akzeptieren, das ist ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Gesundheit und Lebensqualität. Wie kommt man da hin, anstatt die Termine immer wieder zu verschieben oder die Verbesserung der gesundheitlichen Situation gar nicht erst anzugehen?

Strategien im Umgang mit Krankenhausangst

Wenn die gesundheitliche Verfassung zu einer steigenden Belastung wird, wenn Gedankenkreise, Panikattacken, Schlafstörungen und andere Symptome vor einem Krankenhausaufenthalt überhand nehmen, können diese Strategien helfen:

  1. Selbst-Akzeptanz: Meine jetzige gesundheitliche Verfassung bereitet mir mehr Sorgen als dass ich den Alltag noch genießen könnte. Möglicherweise belastet sie auch meine Arbeitsfähigkeit. Es muss mir nicht peinlich sein und es ist auch keine Schwäche, dass ich Befürchtungen bezüglich eines Krankenhausaufenthalts habe. 
  2. Kommunikation: Je weniger ich weiß, desto mehr Spielraum bekommt die Angst. Daher ist es besonders wichtig, vor einer OP alle Fakten zusammenzutragen und Gespräche vor der Aufnahme im Krankenhaus zu führen, etwa vor einer OP. Ungeduldigem Personal sollte man sagen, dass man verstehen möchte, warum eine bestimmte Behandlung vorgeschlagen wird und mögliche Alternativen nicht in Betracht gezogen werden. Ein guter Arzt ermutigt seine Patientinnen und Patienten, Fragen zu stellen. Fakten können Sicherheit geben. Auch seine Ängste darf man durchaus offen ansprechen, nur so wissen die Fachkräfte Bescheid, was mit einem los ist und können dementsprechend reagieren. Und man sollte sich nicht kurzfassen müssen, weil man denkt, dass man den Ärzten Umstände macht oder die Zeit stiehlt. Die Arbeit am Patienten ist schließlich ihr Job.
  3. Zweitmeinung einholen: Fühlt man sich nach einem Gespräch mit einem Arzt oder in einer Einrichtung nicht ausreichend informiert bzw. unverstanden, kann es ratsam seihn, eeine Zweitmeinung einzuholen. Letztenendes muss man natürlich selbst entscheiden, wem man sich anvertraut, aber man kann dies (sollte es sich nicht um einen Notfall handeln) als Prozess sehen, der ein bißchen Zeit benötigt. Je mehr Informationen ich habe, desto sicherer kann ich entscheiden. Nur operieren kann ich mich eben nicht selbst, irgendwann muss ich daher die Kontrolle abgeben.
  4. Manche Inhalte auf Social Media und Dr. Google sind nicht unbedingt hilfreich. Wichtig ist es, auf die Herkunft und auf die Seriösität der Quellen zu achten, anstatt sich sensationelle Reels oder was auch immer anzuschauen, die noch mehr Angst machen. Denn schnell wird jeder Leberfleck zum Melanom und Kopfschmerzen zum Gehirntumor!
  5. Es gibt auch ein Recht auf ‚Nicht-Wissen‘. Jeder Patient bzw. jede Patientin darf selbst entscheiden, wieviel sie über ihren gesundheitlichen Zustand wissen will, etwa in Bezug auf Diagnosen (auch Gendiagnostik) oder auf Krankheitsrisiken, weil man sich überfordert fühlen kann. Das Wissen darüber abzulehnen ist absolut legitim und gehört zum Schutz der persönlichen Selbstbestimmung, wenn eine Belastung mit medizinischen Informationen, etwa im Hinblick auf die Lebenserwartung zu groß werden kann. Auch dies kann der Patient bzw. die Patientin selbst entscheiden und sollte es den Ärzten zu Beginn des Gesprächs mitteilen. Natürlich gibt es aber auch eine Aufklärungspflicht für Mediziner, etwa im Hinblick auf gesundheitliche Risiken, die bei einer OP entstehen können.
  6. Soziale Unterstützung: Fürsorge durch andere zu erleben, zu wissen, dass man die bevorstehenden Termine und den Aufenthalt nicht ganz alleine durchmachen muss, kann eine große Hilfe sein. Dazu ist es wichtig, sich zu erlauben, dass man jetzt eben mal nicht so funktioniert wie sonst und dass man diese Hilfe durchaus annehmen kann. Es gibt sicher irgendwann später, wenn man wieder fit ist und die Anderen mal Unterstützung benötigen die Möglichkeit, sich zu revanchieren. Ich habe es immer als sehr hilfreich erlebt, wenn mich Menschen zu den Terminen bezüglich Befundbesprechung, Diagnosestellung und OP-Planung begleitet haben. Denn als betroffene und ängstliche Person hört man nur einen Bruchteil von dem, was der Arzt sagt. Vier Ohren hören eben mehr als zwei! Auch die Krankenhäuser selbst bieten teilweise psychologische Unterstützung an, etwa die Psychoonkologen im Rahmen einer Krebstherapie, aber auch Seelsorger sind häufig vor Ort erreichbar. Daneben können Selbsthilfe-Gruppen bezüglich der entsprechenden Erkrankungen in Vorbereitung auf die OP eine gute Unterstützung sein.
  7. Entspannungsübungen im Hier & Jetzt: Ängste sind lästig und teilweise sehr belastend, aber eigentlich wollen sie nur eins: uns schützen. Daher kann es hilfreich sein, diese einzuladen, anstatt sie (bzw. den Krankenhausaufenthalt) verdrängen zu wollen. Denn so verschwinden Ängste genauso wenig wie die Erkrankung, die behandelt werden soll. Helfen können Übungen, die deutlich machen, was gerade ist. Und vor der OP ist die OP eben nocht nicht, sondern vielleicht noch Tage zuhause, die man, wenn man alles für sich guten Gewissens und Wissens geplant hat, durchaus genießen könnte. Dabei helfen können Meditationsübungen, bei denen man sich auf seine Sinne konzentriert genauso wie Atemtechniken. Viele davon findest Du auf meinem Podcast panik:pause. Für manche hilft ein Spaziergang, für andere ein Gespräch mit wichtigen Menschen. 
  8. Ist Krankenhausangst, womöglich auch begleitet von Krankheitsangst, ein Thema, das sich im Leben immer wieder zeigt, kann eine Psychotherapie hilfreich sein, um die für die Gesundheit besten Entscheidungen treffen zu können.

Vor meiner letzten OP, die noch nicht lange zurückliegt, sagte mir der Arzt in der Klinik, dessen Rat ich einholte und mit dem ich meine Befunde und mögliche Behandlungsschritte besprach: „Wir machen nur das, und wir machen es jeden Tag.“ Das Wissen, dass es sich um absolute Spezialisten und Experten auf ihrem Gebiet und dem meiner Erkrankung mit einer hohen Fallzahl an erfolgreichen Operationen handelte, gab mir die Gewissheit, dort richtig zu sein.