Kriegsenkel – was der Krieg für die Babyboomer-Generation bedeutet

Schuhe am Donauufer in Budapest, Denkmal für im 2. Weltkrieg getötete JudenAls die Generation der Babyboomer in den 60er Jahren geboren wurde, war der zweite Weltkrieg gerade mal zwanzig Jahre her. Für die heute Anfang bis Mitte Fünfzigjährigen erschien er in der Jugend – wenn man mal von der faktischen Aufarbeitung in der Schule absieht, die oft eher Überdruß zur Folge hatte – kaum mehr real. Wie Sabine Bode in ihrem Buch “Kriegsenkel” eindrücklich an Fallbeispielen darstellt, wurden die damals von den Kriegskindern, also den Eltern der geburtenstarken Jahrgänge erlebten Erfahrungen mit dem NS-Regime, mit Vertreibung und Gewalt weder kollektiv in der Gemeischaft, noch individuell in Form von Psychotherapien emotional aufgearbeitet. Die meisten Kriegskinder klagten nicht und machten das Erlebte mit sich alleine aus. Immerhin hatte man überlebt. Durch Leistungsstreben ging man mit großen Schritten dem Wirtschaftswunder der 50er Jahre entgegen und verdrängte die teilweise schweren Traumatisierungen. Dies hatte nicht nur Konsequenzen für die Kriegskinder selbst, sondern auch für ihre Kinder, die Kriegsenkel.

Viele von ihnen erkennen erst jetzt in der Lebensmitte, dass es ihnen nie gelungen ist, emotionalen Kontakt zu ihren Eltern herzustellen. Sie haben das Gefühl, dass ihre Eltern gar nicht wissen, wer sie sind. Dadurch leiden viele Kriegsenkel heute unter einer unklaren Identität. Es gelingt ihnen nicht, sich über die Zeit und über verschiedene Situationen
als Einheit zu erleben. Die Folge: Sie haben Bindungsprobleme und leiden sowohl privat als auch beruflich unter emotionalen Blockaden. Ihre Potenziale können sie nicht ausschöpfen.

Der Spiegel-Beststeller von Sabine Bode schildert diese Entwicklung sehr eindrücklich und gibt den betroffenen Jahrgängen an vielen Stellen des Buches das Gefühl: Das bin ja ich! Absolut lesenswert.

Sabine Bode (2015). Kriegsenkel. Stuttgart: Klett-Cotta (16. Auflage).