Urlaubssaison: Die Vorfreude kennt keine Grenzen
Das Schnäppchen im Internet gefunden, super günstiger Flug nach Thailand, herrliches Hotel im Allgäu – und schon beginnt die Vorfreude, und die Phantasie kennt keine Grenzen. Tagelang am Meer rumdümpeln mit einem Cocktail in der Hand, Wanderungen auf idyllischen Almen. Und die Influencer machen es vor: Auf Instagram sehen ihre Reisen perfekt aus, Luxus, unberührte Natur, ewiger Sonnenschein – so soll es werden. Was dazwischen noch alles organisiert werden muss und wie es wirklich werden könnte, wird erstmal ausgeblendet.
Vorfreude trifft auf Realität: Stress und Traurigkeit
Der Urlaub rückt näher. Und es ist noch so viel zu organisieren. Ist der Reisepass noch gültig? Was soll im Urlaub konkret unternommen werden? Wer kümmert sich um die Orga? Ist zwischen den einzelnen Stationen genügend Puffer eingeplant? Und die Arbeit türmt sich völlig unvorhergesehen wie noch nie. Wenn es dann endlich losgeht, steigt der Druck, denn es gibt eine enorme Diskrepanz zwischen dem Urlaubsideal und der psychischen Befindlichkeit. Stress statt Leichtigkeit, Unzufriedenheit statt Gelassenheit. Und die Erwartungen steigen: Jetzt muss alles perfekt werden!
Am Urlaubsort: Menschenmassen und Regen statt unberührter Natur und ewigem Sonnenschein
Zugegeben, es muss nicht immer gleich so krass kommen, aber Reiseberichte entsprechen oftmals nicht ganz den tatsächlichen Erfahrungen. Und viele Bilder, die wir von wunderschönen Orten kennen, sind retuschiert. Dank Apples ‚clean up‘ (deutsch: bereinigen) kann man ungewollte Personen leicht aus den Urlaubsbildern entfernen, und schon steht man nur noch mit seinen Liebsten vor der Sehenswürdigkeit oder am Strand. So sieht es dann in der Realität eben nicht mehr aus, wenn man sich mit Menschenmassen durch die Gegend schiebt (gerade selbst erlebt in Japan). Oder das Wetter spielt nicht mit genauso wie die damit verbundene schlechte Laune der Familie. Was kann man tun, um den Urlaub dennoch zu genießen?
Sich spüren und annehmen: Tipps für einen gelungenen Urlaub
Ist die Laune nun mal im Keller, hilft es nichts, so zu tun, als wäre alles toll. Denn faktisch ist es gerade gar nicht toll. Und je höher die Erwartungen, umso größer kann die Enttäuschung sein. Daher kann es helfen, sich erstmal Raum zu geben, vielleicht auch bei einem Spaziergang alleine am Meer, um seine Gefühle und Gedanken zuzulassen, denn sie sind nun einmal da. Aber ambivalente Gefühle sind normal und sie dürfen sein. Sich damit auseinanderzusetzen ist emotionale Selbstfürsorge, sich um sich selbst zu kümmern, indem man sich Zeit nimmt zum weinen, traurig sein oder loslassen des Ideals. Durch diese Selbstakzeptanz bereits kann Stress reduziert werden, oft ist es danach schon viel besser, weil der innere Druck sinkt. Dann kommt der nächste Schritt: Was mache ich, machen wir jetzt mit dieser Situation?
Nicht ‚mach das Beste draus‘, sondern ‚mach Deinen Urlaub draus‘
Was ist wirklich realistisch und machbar, damit Du nicht erschöpft in den Urlaub gefahren bist und auch genauso nach Hause kommst? Muss der fünfte Palast am selben Tag auch noch besichtigt werden, nur damit alle to-do’s auf der Liste abgehakt sind (Stichwort: Perfektionismus)? Sind alle geplanten Stationen wirklich ein Muss, weil Du doch nun einmal so weit geflogen bist? Das führt leider oft zu noch mehr Stress, Anstrengung und manchmal auch dazu, sich gar nicht mehr richtig auf den Urlaub einlassen zu können.
Genießen und spüren: Mit allen Sinnen im Urlaub sein
Viele Klienten erzählen mir vom Baden im Meer als einer Aktivität, bei der sie sich maximal verbinden können mit sich selbst und mit der Natur, weil bei dieser Aktivität alle Sinne gleichermaßen und auf verschiedenartige Weise angesprochen werden. Da ist das Fühlen, das Fühlen des Wasser um sich herum, das Spüren des Untergrundes, etwa des Sands oder der Kiesel unter den Füßen. Oder auch der Sonne auf der Haut und des Windes. Vielleicht auch das Schmecken des Salzwassers, genauso wie das Sehen der Farben, die mit Himmel und Meer oftmals intensiver und großflächiger sind in der Natur als im Alltag. Vielleicht hörst Du auch das Meeresrauschen und die Stimmen der Badenden am Strand und Du riechst Sonnencreme oder Kräuter. Diese Vielfalt der sinnlichen Verbundenheit bedeutet für viele Urlauber starke Momente des im Moment und geerdet seins. Frag Dich daher:
- Was ist machbar? Manchmal ist es schöner, weniger Ziele anzusteuern, aber dafür in Ruhe im Sonnenuntergang sitzen zu können und einfach nur zu spüren, was in Dir und um Dich herum gerade passiert.
- Plane Zeiten, in denen Du wirklich zur Ruhe kommst und genießen kannst, das gilt auch für Städtereisen, die bekanntermaßen besonders anstrengend sind.
- Überleg Dir einen Plan B, falls Dir das ursprünglich geplante Programm an dem Tag aus welchem Grund auch immer doch nicht passt. Erlaube Dir, flexibel zu sein, ohne Dich dafür zu bewerten.
- Spontanität kann zu unverhofften Genüssen führen, das habe ich oft erlebt, z.B. in Italien und Griechenland, wenn wir irgendwo im nirgendwo einen wunderschönen Strand oder ein tolles kleines Lokal gefunden haben. Das ist es, was in Erinnerung bleibt, nicht der siebte Tempel.
- Wenn die Interessen so gar nicht übereinkommen, wenn man mit der Familie und Freunden unterwegs ist, muss man nicht immer alles zusammen machen, vor allem. All das kannst Du klären. Kläre Erwartungen mit Mitreisenden, führe offene Gespräche über Bedürfnisse.
- Nutze diese Erfahrungen für Deine nächsten Reisen: Denn echte Freude und erfüllende Erlebnisse kommen oft aus Ruhe und Verbindung mit Orten, Menschen und Aktivitäten, die Du selbstbestimmt gestaltet hast.
- Sollte es Dir dauerhaft nicht möglich sein, bei Aktivitäten und in Urlauben Freude zu empfinden, kann das ein Anzeichen für eine Depression sein. In diesem Fall solltest Du einen ärztlichen Rat einholen oder Dir therapeutische Unterstützung holen.