Nicht nur an Karneval – Motive für den Seitensprung

Das Thema Fremdgehen wird immer wieder mit dem Bedürfnis nach besserem (oder überhaupt nach) Sex gleichgesetzt. Der Mensch (und insbesondere der Mann) sei aufgrund seiner evolutionären Entwicklung nicht auf Monogamie gepolt, so lauten gängige Versuche, die Gründe für Affären und One-Night-Stands außerhalb der Partnerschaft zu erklären bzw. zu rechtfertigen. Tatsächlich ist die Lust aus therapeutischer Perspektive eher „das Tüpfelchen auf dem i“ oder die Konsequenz, wenn Mann oder Frau sich nach außen orientiert, vor allem im zunehmenden Alter. Zentrales Thema hinter allen Motiven für den Seitensprung ist vielmehr eine Selbstwertproblematik. Analytisch kann man zwischen vier Beweggründen, die zum Fremdgehen führen, unterscheiden. In der Realität können sich diese überschneiden:

Mangelnde Bestätigung

Die oftmals langjährige Partnerschaft oder Ehe ist eingeschlafen. Das Zusammenleben wird als monoton erlebt. Sowohl Sexualität und Berührung als auch Kommunikation über Bedürfnisse und Wünsche im gemeinsamen Miteinander finden kaum noch oder gar nicht mehr statt. Im besten Falle funktionieren die Beteiligten mehr oder weniger in einem durchgetakteten Alltag, die Frustration steigt. Es fehlt den Beteiligten vor allem an Geborgenheit, Wärme und Bestätigung als Person und im nächsten Schritt als Sexualpartner – so wie zu Beginn der Beziehung. Die Aufmerksamkeit eines außen stehenden potenziellen Partners bringt das rauschhafte Gefühl zurück: Verliebtheit, Aufmerksamkeit und vor allem Bestätigung, als die Person geliebt zu werden, die man ist. Durch das Fremdgehen fühlt man sich wieder gesehen, das Selbstwertgefühl wird reaktiviert.

Verletzung und Kränkung

Die bestehende Beziehung ist nicht nur durch (wie im ersten Fall) durch Monotonie oder durch Langweile gezeichnet, sondern zusätzlich durch mangelnde Wertschätzung seitens der Partner. Diese entwickelt sich nicht unbedingt nur bei einem Seitensprung des Anderen, sondern – je nach Empfindsamkeit der Beteiligten – bei fortgesetzten täglichen Nörgeleien und Zurückweisungen bis hin zur Nichtbeachtung von Bedürfnissen des Partners. Auf Dauer nagt der unachtsame Umgang am Selbstwertgefühl. Der Seitensprung wird in diesem Fall zum Racheakt, egal ob er dem anderen mitgeteilt wird oder man seinen „Triumph“ im Verborgenen genießt. Er dient auch in diesem Falle zur Wiederherstellung eines stabilen Selbstwertgefühls, man erlebt sich als bestätigt und angenommen und hat danach zumindest kurzfristig das Gefühl, durch die Vergeltung Gerechtigkeit erfahren zu haben. 

Angst vor Nähe

Insbesondere die emotionale Nähe in der Partnerschaft kann, selbst wenn diese harmonisch verläuft, von manchen Menschen schwer ausgehalten werden. Nähe wird von den Betroffenen ab einem gewissen Maß weniger als Geborgenheit und Wärme, sondern vielmehr als Kontrolle und Einengung wahrgenommen. Wodurch man sich kontrolliert oder bevormundet fühlt, hängt von individuellen Vorerfahrungen ab. Die Betroffenen erleben sich in ihrer Unabhängigkeit so stark eingeschränkt, dass ihnen der Seitensprung dazu dient, das mangelnde Gefühl von Selbstbestimmung und Unabhängigkeit wieder herzustellen. Durch die Distanzierung vom Partner fühlt sich der Fremdgeher befreit und reguliert auf diese Weise sein Nähe-Distanz-Problem. Beim Betrogenen hingegen löst er im schlimmsten Falle mehr Distanzierung aus, als ihm lieb ist.

Narzisstische Bedürftigkeit und Kränkung

Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstrukturen vereinen oft alle drei beschriebenen Motive fürs Fremdgehen in sich. Ein mangelndes Selbstwertgefühl, der ständige Drang nach Bestätigung und eine sehr leichte Kränkbarkeit sind tief in ihrer Psyche verankert. Die Betroffenen haben per se Schwierigkeiten, Vertrauen und Bindungen zu entwickeln. In ihrer Kindheit haben sie häufig desinteressierte bzw. absente Väter und ambivalente, oft abweisende Mutterbindungen erlebt. Diese Erfahrungen führen dazu, dass Beziehungen zu anderen Menschen und insbesondere zu Partnerinnen (wie schon die Bindung zur Mutter im Kindesalter) als nicht sicher erlebt werden. Durch den erlebten Mangel an Konstanz gelingt es den Betroffenen kaum, Beziehungen über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Ihr Verhalten ist vielmehr auf direkte Bedürfnisbefriedigung ausgelegt. Letztlich ist sich der Narzisst seiner Selbst nicht sicher und benötigt ständige Bestätigung, um seinen Selbstwert „zu füttern.“ Da er sehr schnell kränkbar ist, können Seitensprünge auch zur Vergeltung genutzt werden.

Fremdgehen ist eine Selbstschutzstrategie, aber nicht die Lösung des Problems

Damit kann das Fremdgehen in allen Facetten als Selbstschutzstrategie verstanden werden: als Selbstschutz vor mangelnder Wertschätzung, vor Kränkungen und Verletzungen sowie vor zuviel Nähe, wenn diese als Einengung und Machtlosigkeit erlebt wird. Nur leider ist das Fremdgehen in keinem Fall eine konstruktive Lösung. Es verletzt den Betrogenen und hilft dem Verursacher nur kurzfristig. Ein Coaching zur Stärkung des Selbstwerts hilft, andere und konstruktivere Wege zu gehen. Es vermittelt, wie der Einzelne für sich innere Stabilität entwickeln und wie Partnerschaft lebendig und aufeinander bezogen gelebt werden kann.